In diesem Artikel gehen wir ausführlich auf die Methoden ein, mit denen Sie Interviews auswerten können. Zur Auswertung von qualitativen Materialien aus dem Interview stehen mehrere Methoden zur Verfügung. Innerhalb jeder Methodik gibt es dann wiederum verschiedene Vorgehensweisen und spezifische Fragenstellungen. Natürlich wirkt auch der persönliche Stil der Wissenschaftler auf die Auswertung ein. Entgegen der statistischen Auswertung von quantitativen Materialien erreicht man mit der qualitativen Auswertungsmethodik keine so hohe Sicherheit, denn bis zu einem gewissen Maß hängt die Auswertung der Interviews auch an der Intuition des Auswertenden. Allerdings geben zahlreiche Methoden in der Vorgehensweise eine einheitliche Nachvollziehbarkeit und eine Prüfbarkeit an die Hand, mit der die Auswertungsergebnisse dann diskutiert werden können.

1. Vor dem Auswerten: die Führung des Interviews

Nachdem der Leitfaden für das Führen des Interviews erstellt wurde, gehen Sie daran, alle Dimensionen zu erstellen, die einerseits als Erinnerungshilfe dienen aber andererseits auch die grobe Einteilung in Kategorien ergeben. Anhand dieser Kategorien werten Sie dann auch das Interview am Ende aus. Bleiben Sie ausreichend offen in Ihrer Gesprächsführung, um auch unvorhergesehene Themen aufgreifen zu können. Natürlich ist es wichtig, dass in Ihrem Interviewleitfaden alle wesentlichen Fragen enthalten sind, die Sie Ihrem Gesprächspartner stellen wollen. Eine gute Mischung aus beiden Arten ist also die richtige Mischung. Wenn Sie noch vor der Aufnahme der Interviews stehen, finden Sie hier einen Leitfaden zur Vorgehensweise: Link

Weitere Tipps zur qualitativen Interviewführung sind:

  • Zuhören statt immerzu Reden ist die gute Basis für ein hochwertiges Interview
  • Behalten Sie immer den Gesprächsverlauf im Blick
  • Bleiben Sie in der Fragehaltung
  • Verwenden Sie das „aktive Zuhören“
  • Stellen Sie keine Suggestivfragen
  • Halten Sie Pausen geduldig aus
  • Stellen Sie die einfachen und offenen W-Fragen
  • Klären Sie vorher ab, in welchem Rahmen Sie das Interviewmaterial verwerten wollen/dürfen.
  • Legen Sie fest, welcher Teil anonym gehalten werden sollen

2. Ergebnissicherung

  • Notieren Sie die ersten, groben Unklarheiten und Widersprüchlichkeiten
  • Formulieren Sie gemachte Notizen vollständig aus
  • Kommentare sollten besonders gekennzeichnet werden, da Sie als erste Anhaltspunkte für die Auswertung dienen
  • Formulieren Sie abgekürzte Passagen vollständig aus
  • Markieren Sie die besonders prägnanten Aussagen in Ihrem Skript

3. Grobe Auswertung des Interviews

Die Interviews auswerten, so geht’s:

  1. Ordnen Sie die Aussagen aus den Interviews den Grundkategorien Ihres Leitfadens zu
  2. Ordnen Sie sie quasi horizontal den Themen nach und lösen Sie die Aussagen aus dem Kontext des Einzelinterviews
  3. Unterstreichen Sie die wichtigen Textpassagen mit Leuchtstift und machen Sie seitliche, handschriftliche Notizen, in denen Sie festhalten, zu welchen Kategorien die Aussagen gehören
  4. Sollten Sie neue Themen als die bisher gefundenen Themenschwerpunkte entdecken, raten wir Ihnen ab, sich auf nicht mehr als 3-5 Grobkategorien zu konzentrieren
  5. Für dennoch spannend erscheinende Aussagen legen Sie sich am besten einen Bereich „Sonstiges“ ab
  6. Passen manche Aussagen in mehr als eine Kategorie, dann notieren Sie sich diese doppelten Einträge
  7. Behalten Sie stets im Blick, von wem welche Aussage stammt. Denn es sind wichtige Unterschiede, ob die Aussage von einem Kunden, einem Vorstand oder einem angestellten Mitarbeiter kommen
  8. Die Zuordnungen sind noch rein provisorisch und können jederzeit verändert werden

4. Feinauswertung der Interviews

Suchen Sie innerhalb der Kategorien nach ähnlichen Aussagen um Interviews auswerten und gruppieren Sie diese.
Widersprechen sich Aussagen innerhalb einer Kategorie, so notieren Sie dies ebenso.
Die unter „Sonstiges“ abgelegten Textpassagen können jetzt eingearbeitet und zugeordnet werden. Lassen Sie sich bei den Feinauswertungen von anderen Gruppenmitgliedern oder Freunden helfen. Innerhalb einer Gruppe können mehrere Personen die Auswertung lesen und auf Plausibilität prüfen.

5. Interpretation und Beschreibung

Das Ergebnis aus Schritt 4 liegt nun in Form eines Inhaltsverzeichnisses mit den Kategorien und den Subthemen und deren Textstellen vor. Beschreiben Sie nun die Textstellen und ergänzen Sie diese zum Beispiel mit:

  • Eindrücke aus den teilnehmenden Beobachtungen
  • Eigene Vorhypothesen
  • Daten aus der Dokumentenanalyse
  • Theoretische Überlegungen aus der Literatur

Der rein beschreibende Zugang bringt bereits viel spannendes Material zutage, denn die Sicht auf ein Thema von unterschiedlichen Personen aus, birgt viel Potential. Die unklaren Punkte können interpretiert werden oder Sie sammeln mittels eines Brainstormings verschiedene Hypothesen. Ergibt sich am Ende eine gemeinsame Sichtweise, so nehmen Sie diese mit auf. Oder aber die verschiedenen Hypothesen werden Teil der Feinanalyse.

Um Hypothesen bilden zu können, sollten Sie das folgende beachten:

  • Hypothesen sind nicht die Realität sondern entsprechen rein einer subjektiven Beurteilung und Deutung
  • Formulieren Sie die Hypothesen in der Möglichkeitsform
  • Seien Sie besonders vorsichtig mit der psychologischen Auslegung
  • Besonders positive Hypothesen entstehen, wenn Sie Jedem eine positive Absicht unterstellen
  • Weisen Sie stets deutlich aus, was eine Beschreibung und was eine Interpretation ist

Präsentation der Ergebnisse

Wenn Sie Ihre Ergebnisse aus dem Interview präsentieren wollen oder müssen, sollten Sie nicht mehr als 30 Minuten dafür einplanen. Die Ergebnisse sollten prägnant sein und zu einer aktiven Auseinandersetzung mit dem Thema einladen. Unterscheiden Sie zwischen wirklich Wichtigem und den unwichtigen Passagen und Details Ihrer Auswertung. #
Viel Erfolg! 💙